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„Mehr Frontscheibe als Rückspiegel“ – Lessons Learned in der Covid-19 Krise.

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Aufsichtsräte, Beiräte und Experten diskutieren im ersten ArMiD-WebDialog


Praktischer Erfahrungsaustausch im Dialog mit ArMiD-Mitgliedern ist das Credo des ersten ArMiD-Webdialogs. Auf dem virtuellen Podium der von CMS gehosteten Video-Plattform und moderiert von Prof. Birgit Felden, tauschen Aufsichtsräte, Beiräte und krisenerfahrene Experten Ihre Standpunkte aus:


•    Carsten Albrecht, Aufsichtsrat (u.a. AR-Vorsitz, Berner Group) und Beirat
•    Norbert Basler, Aufsichtsrat (u.a. AR-Vorsitz, Basler AG) und Familienunternehmer
•    Klaus Jaenecke, Vorstand ArMiD, Aufsichtsrat (u.a. AR-Vorsitz, Hansgrohe SE) und Beirat
•    Michael Müller, Partner Risk Advisory, Deloitte
•    Dr. Carola Rinker, Bilanzexpertin, Fachautorin
•    Dr. Martina Schmid, Rechtsanwältin/Partnerin bei CMS Hasche Sigle, Beirat ArMiD
•    Dr. Volker Treier, Außenwirtschaftschef, Mitglied der Hauptgeschäftsführung DIHK


Volker Treier beginnt zunächst mit einem Einblick auf das sehr durchwachsene Stimmungsbild im deutschen Mittelstand (immerhin 20% der vom DIHK befragten Unternehmen befürchten eine Insolvenz, und 25% der Unternehmen rechnen mit einem Umsatzrückgang für 2020 von mehr als 50%). Daraufhin steht zunächst das Thema Liquidität und Eigenkapital im Fokus des Dialogs. Die Beobachtung der Liquiditätsreserven war auch Top-Priorität auf den meisten Agenden der Aufsichts- und Beiratssitzungen. Teilweise unterschiedlich beurteilen die Podiumsteilnehmer die Frage, ob Unternehmen einen größeren Eigenkapitalpuffer für Krisenzeiten vorhalten sollen, u.a. auch durch die Ausgabe von Genussscheinen, Vorzugsaktien und ähnliche eigenkapitalersetzende Instrumente. Aus der Perspektive von Familienunternehmen, die von Norbert Basler und Klaus Jaenecke eingenommen wird, sei die Qualität des Kapitals im Hinblick auf die Renditeerwartungen entscheidend – Kurzfrist- vs. Langfristorientierung. Da seien Familieneigentümer oder nachhaltig aufgestellte Investoren zu bevorzugen. Gleichwohl müsse die Eigenkapitalausstattung bei vielen mittelständischen Unternehmen verbessert werden. Allerdings sei, so Carola Rinker und Michael Müller, Eigenkapital nicht gleich Liquidität. Diese sei in Krisen entscheidend. Volker Treier ergänzt, dass aus seiner Beobachtung schon jetzt verstärkt Vorfinanzierungen von Lieferungen gefordert würden. Auch über das „Einfrieren“ von Kredit-Ratings werde diskutiert.

Zum Krisenmanagement mittelständischer Unternehmen gibt Michael Müller ein geteiltes Bild zur Aufstellung der Unternehmen aus der Beratungspraxis. Niemand sei auf ein Szenario wie eine globale Pandemie vorbereitet gewesen. Im Mittelpunkt der Krisenbewältigung hätten Liquiditätsplanung und -beschaffung sowie Schutz der Mitarbeiter und Absicherung von Lieferketten gestanden, berichtet Müller. Die Aufsichtsräte Albrecht, Jaenecke und Basler führen aus, dass die Beschäftigung mit diesen Herausforderungen auch eine deutlich erhöhte Sitzungsfrequenz der Aufsichtsräte zur Folge gehabt hätten. Dabei sei es hin und wieder eine echte Herausforderung, sich nicht zu stark in die operativen Themen des mit der Krisenbewältigung kompensierten Managements einzumischen. 

Zur virtuellen Hauptversammlung berichtet Martina Schmid, dass bei den von ihr betreuten Mandanten, nach anfänglicher Verunsicherung mit Technik und Ablauf, keine substantiellen Probleme bei der Durchführung der Veranstaltungen aufgetaucht seien. Positiv wurde von den Vorständen empfunden, dass Fragen von Aktionären im Vorfeld der HV gestellt und beantwortet werden konnten. Trotz der Effizienz virtueller Aktionärsversammlungen, sieht Schmid die rein virtuelle HV jedoch nicht als Model der Zukunft an, da eine intensive Befassung mit wichtigen Unternehmensthemen ohne eine dynamische Diskussion in einer Präsenzveranstaltung weniger gut möglich sei. Sie sieht daher eher ein hybrides Model einer Präsenzveranstaltung mit Online-Teilnahme für zukünftige HVs als wahrscheinlich an.

Zu guter Letzt wird der Ausblick und die Lehren aus den in der Covid-19 Krise zu Tage getretenen Schwächen auch betreffend der Rolle von Aufsichts- und Beiräten in den Blickpunkt genommen. Hierzu bringen sich auch eine ganze Reihe von Veranstaltungsteilnehmern mit interessanten Beiträgen ein. Einige Einschätzungen:
•    Die partnerschaftliche Zusammenarbeit mit allen Stakeholdern, auch mit Kreditinstituten und Kunden werde mehr in den Mittelpunkt gerückt werden müssen und sei im Zweifel mindestens ebenso wichtig wie die Renditeoptimierung im Interesse der Aktionäre
•    Aufsichtsräte werden stärker auf ihre Reaktions- und Anpassungsfähigkeit nicht nur während Krisen, sondern auch bei den bevorstehenden Transformationen, wie Digitalisierung, Klimawandel, gesellschaftlicher Wandel, Mobilitätswandel, etc. überprüft werden. In Zukunft müssten Aufsichtsräte mehr Agilität, Flexibilität und Dynamik auch als Sparringspartner des Managements zeigen
•    Covid-19 habe gezeigt, dass Unternehmen hohe Resilienz durch Delegation von Entscheidungen (Beispiele Arbeit in Teams, Home-Office) gezeigt hätten; das werde Einfluss auf  den Abbau hierarchischer Strukturen und standortunabhängiger Arbeitsmodelle haben
•    Die Krise lehre, dass Geschäftsmodelle auf den Prüfstand gestellt werden müssen. Transformationen seien ungeachtet der Krise in vollem Gange – es geh darum, die  die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen, wie es Norbert Basler treffend ausdrückte… „Man müsse einfach mehr durch die Frontscheibe schauen als in den Rückspiegel zu blicken“.